Temporäre Trabantrückführung nach Kleinwolmsdorf bei Radeberg

Diese Geschichte nahm ihren Anfang im September 2017, als mich bei uns in Münster beim Einkaufen mit meinem Trabi ein Mann ansprach, der aus einer Erbschaft eine P601 Limousine in der Scheune stehen hat, die er gerne verkaufen würde.

Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten und machte mich auf den kurzen Weg nach Ascheberg, um das gute Stück in Augenschein zu nehmen. Schnell wurden wir uns handelseinig und per Trailer verließ das Auto die Scheune, in der er seit 1991 vor sich hingedämmert hatte.

Auf dem Rückweg sah er dann zum ersten Mal nach 26 Jahren Wasser in Form eines Hochdruckreinigers. Vom Staub der Jahre befreit parkte ich ihn erst einmal in meiner Garage und begann damit, den Zustand des Wagens und die mitgegebenen Dokumente zu sichten.

Langsam dämmerte mir, was für einen Fang ich hier gemacht habe. Der Tachometer des im November 1989 gebauten Trabis stoppte seinerzeit bei 9666,7 km, und diesen fast unbenutzten Zustand machte auch der ganze Trabant noch heute.

Wunderbarerweise waren die originalen Papiere wie Fahrzeugbrief/-schein, Qualitätsurkunde, Steuernachweisheft, Bericht der ersten Wartung, Quittung für Hohlraumversiegelung und Schonbezüge und vieles weiteres mehr vorhanden.

Durch die Angaben im Fahrzeugbrief war es leicht, den ersten Besitzer ausfindig zu machen. Er wohnte immer noch an der gleichen Adresse. Lediglich der Name der Straße hatte sich geändert.

Also machte ich mich nur zwei Tage nach Erhalt des Wagens daran, den Erstbesitzer zu kontaktieren.

Tatsächlich erreichte ich mit dem ersten Anruf die Schwiegertochter des Erstbesitzers, die meine Geschichte nicht zu100% Ernst nahm, denn sie glaubte an einen Telefonstreich ihres Mannes Mario.

Nach einiger Überzeugungsarbeit gab sie mir die Telefonnummer ihres Schwiegervaters, den ich anschließend sofort anrief. Wir haben locker mindestens eine Stunde telefoniert und eine Menge toller Informationen ausgetauscht, denn wir waren schnell auf einer Wellenlänge.

Dabei reifte in mir ein Vorhaben, welches im August 2018 seine Vollendung finden sollte:

 

Warum nicht dem Erstbesitzer sein altes Auto vorführen?

Diese Idee besprach ich mit Mario, seinem Sohn, denn das Ganze sollte schon eine Überraschung für Klaus, den Erstbesitzer, werden.

Mario und ich besprachen einige Termine und entwickelten einen Schlachtplan für diese Aktion.

Die Bestrebung, Klaus an seinem 77. Geburtstag mit meinem Besuch zu überraschen, funktionierte leider nicht. Wir suchten eine zeitnahe Alternative. und einigten uns auf den 18.8.2018. Mario und Tino mit ihren Frauen organisierten eine Familienfeier im größeren Rahmen. Der Anlass der Feier wurde als Kochparty getarnt. Somit hatte Klaus keinen Argwohn, dass ihm eine Überraschung präsentiert werden sollte.

So begannen für mich die Vorbereitungen für die Tour schon einige Wochen früher, denn das Auto musste natürlich zum Leben erweckt und auf Hochglanz gebracht werden. Also in die Hände gespuckt und ab ging‘s. Nachdem ich mit meinem Kumpel Jonas Tank und Vergaser gereinigt hatte, die Zündkerzen getauscht hatte, sprang der Trabi direkt an und lief sofort ganz ruhig und leise wie zu alten Zeiten als es die DDR noch gab. Nachdem dies problemlos passiert war, schwangen wir die Polierwatte und beseitigten im Schweiße unseres Angesichts bei brütender Hitze die letzten Spuren der vergangenen Jahre. Natürlich half meine kleine Tochter Leni mit vollem Eifer mit.

Frisch wie ein Neuwagen stand er jetzt in der westfälischen Sommersonne.

Jetzt blieb nur noch die Aufgabe, einen Trailer zu besorgen und den strahlenden Trabi zu verladen. Ich mag mich täuschen, aber es machte den Eindruck, als würde er sich freuen, in die alte Heimat zu kommen.

So hängten wir dann den Trailer an mein Westblech und ich feierte dann meinen Geburtstag am 17.8.2018. Nachdem die letzten Geburtstagsgäste gegangen waren, machten sich Jonas und ich um 23.15 Uhr auf den 612 km langen Weg von Münster/Westfalen nach Kleinwolmsdorf bei Radeberg/Sachsen. Dieser verlief völlig störungsfrei und so erreichten wir nach einem kurzen Nickerchen unterwegs, um 7.15 Uhr eine Tankstelle in Radeberg. Nach einem Telefonat mit Mario, den ich noch nie gesehen hatte, warteten wir auf diesen. Wir stärkten uns dann mit Bockwurst und Bautzener Senf. Wir standen über 600 km von zuhause entfernt, ohne zu wissen, wer und ob uns gleich jemand dort abholt. Mario hatte mir im Telefonat gesagt, erst einmal checken zu wollen, was da für Westfalen in Sachsen eingetroffen sind. Mich kannte Mario von den ihm vorab geschickten Bildern. Mario hatte natürlich nur Spaß gemacht mit dem Checken und so stand dem ersten Treffen dann doch nichts im Weg.

Mario führte uns dann von der Tankstelle zu Sven in Arnsdorf an der Kleinwolmsdorfer Str. 4, wo dieser eine Ferienwohnung an uns vermietete. Die Ausstattung war einfach toll. Wir checkten direkt ein und sprangen als erstes unter die Dusche, um uns den „Straßenstaub“ von der Haut zu waschen. Hier fiel mein Blick dann aus dem Badezimmerfenster auf diverse IFA W50 und Multicar M26. Phantastisch!!!

Unser Überraschungsauftritt bei der Kochparty war erst für 16.30 Uhr geplant. Jonas und ich begaben uns auf den Weg per Bahn ins nahegelegene Dresden. Hier angekommen, machten wir etwas die Innenstadt unsicher und absolvierten ein kleines Touristenprogramm, denn für uns war es das erste Mal, dass wir Dresden besuchten, in dem gerade jetzt das Stadtfest stattfand. Auf dem Programm standen natürlich Sehenswürdigkeiten wie der Zwinger, Frauenkirche, Semperoper, aber auch das Museum „Die Welt der DDR“. Die Zeit von 9.30 Uhr bis zur Rückkehr um 15.15 Uhr verging natürlich wie im Flug.

Zurück in Arnsdorf bereiteten wir uns dann auf die 2 km lange Fahrt nach Kleinwolmsdorf vor und parkten Westblech und Trailer mit Trabi ein paar Meter entfernt um unentdeckt zu bleiben. Wir luden den Trabi ab und stellten eine Kiste westfälisches Bier der Brauerei Pinkus Müller aus Münster in den Fußraum.

So fuhren Mario und ich bei der Kochparty vor, während Jonas das Ganze filmte. Als wir in dem Hof ankamen, betätigte ich öfters das Signalhorn. So aufgerufen kam Klaus um die Ecke um zu schauen, welcher Idiot wild hupend auf dem Grundstück steht.

Als er erkannte, was dort stand, blieb er wie angewurzelt stehen. Seine spontane Reaktion waren die Worte „Das ist ja mein altes Auto“. Er hatte es sofort erkannt – nach 27 Jahren. Er umrundete den Wagen, inspizierte ihn und fand sofort Stellen und Dinge, an die er sich direkt erinnerte. „Das Radio hat damals 1000 Mark gekostet“ erinnerte er sich. Es war ein Gerät der Marke Blaupunkt München mit Kassettenteil. In der scheidenden DDR entwickelten sich sogenannte An- und Verkaufgeschäfte, in denen unter anderem diese Radios zu Wucherpreisen verkauft wurden .

Ich überreichte den Kasten Bier als Gastgeschenk, allerdings war sein altes Auto deutlich interessanter. So machte ich mich dann mit Klaus und seinen Enkelkindern auf den Weg zu einer kleinen Fahrt durch den Ort, bei der wir ungefähr 4 km nach 27 Jahren abspulten.

Wieder zurück durften wir natürlich an der Feier teilnehmen, nachdem wir alles Mögliche am Trabi gezeigt und erläutert hatten. Dabei war die Kochparty längst nicht mehr der Höhepunkt des Abends.

Wir stärkten uns mit reichlich Schnitzel, Kartoffelsalat und Fritten und natürlich reichlich vom leckeren Radeberger Bier. Hier wurden dann viele tolle Benzingespräche geführt und so erfuhren wir eine Menge alter Geschichten zum Auto und dem Drumherum.

Gegen Abend parkten wir dann unter dem kritischen Blick von Klaus den Wagen in seiner alten Garage und machten uns dann nach einer tollen Feier auf den Rückweg in unsere Ferienwohnung, wo wir todmüde in die Betten fielen.

Der zweite Tag in Sachsen begann mit langem ausschlafen und einem opulenten Frühstück am Tisch bei Pensionswirt Sven und seiner Frau Katja.

Weil wir ja in der Nähe waren, machten Jonas und ich einen kleinen Abstecher nach Tschechien auf den Markt, wo wir ein wenig einkauften und uns zum Mittag Knödel mit Rindergulasch schmecken ließen.

Als wir zurück waren, fanden wir den Trabi zwischen seinen neumodischen Nachfolgern stehend in der Garage. Mario konnte nicht widerstehen und parkte den Trabbi zwischen den Neuzeitwagen ein. Ein Anblick der Bände sprach und zum Fotografieren einlud.

So sahen wir dann auch den originalen Begleiter aus Ostzeiten, den der Trabi schon damals zog: einen alten HP 400 mit Erstzulassung 02/1989.

Die Aktion hatte sich herumgesprochen. Es waren eine Menge Nachbarn vorbeigekommen, um den alten Garagenbewohner zu sehen. Jeder hatte seine eigenen Erfahrungen und Geschichten zu berichten, einige ließen sich dann auch mit dem Trabi (den ich ab sofort Klaus nenne…) fotografieren.

Am 2. Abend erfuhr ich dann auch noch die kleine Anekdote, wie es das Auto ins tiefste Westfalen nach Ascheberg verschlagen hatte:

An diesem Tag genau vor 27 Jahren, am 19.8.1991 verkaufte Klaus den Wagen auf dem Gebrauchtwagenmarkt in Dresden für 1000 DM an Herrn Wermeling aus Ascheberg, der ihn auf einem Trailer nach Westfalen transportierte und ihn dann in der Scheune abstellte. Er versprach Klaus, dass er den Wagen zu Lebzeiten nicht verkaufen würde (mein Kumpel Thomas W. aus Ascheberg hatte es zwischenzeitlich ein paarmal erfolglos versucht den Wagen zu kaufen). Nach dem Tod von Herrn Wermeling hatte ich dann das Glück, dass ich von seinem Sohn angesprochen wurde. Den Rest dazu kennt ihr schon.

Mario hatte noch Ersatzteile und Zubehör, insbesondere jede Menge Schrauben für Kotflügel und Zierleisten. Der Kofferraum von Klaus füllte sich zusehends.

Irgendwann kam dann leider doch die Zeit für den Abschied und so wurde das Auto wieder auf den Trailer verladen und nach einer tollen Verabschiedung machten wir uns gegen 21.00 Uhr (geplant war ca 16.00 Uhr) auf den Weg zurück nach Westfalen.

Auf dem Rückweg setzte ich dann Jonas zuhause in Telgte ab und erreichte todmüde Münster-Angelmodde am 20.8. gegen 6.00 Uhr morgens.

 

Text: Autorenkollektiv T. Goßling, M. Fasold, T. Wentker

Bilder: M. Fasold, T. Goßling